Lebenszeichen 2019 Juni Credit ERIC LAFFORGUE / Alamy Stock Photo

Jesidische Mädchen im Tempel Lalisch: Als „Zîyaret“ werden Wallfahrts- und Pilgerorte bezeichnet, die im Rahmen religiöser Zeremonien und Feste von JesidInnen aufgesucht werden. Lalisch- ein Ort im heutigen Nordirak und gleichzeitig der Name des Tempels- ist das historische, weltliche, spirituelle und religiöse Zentrum jesidischen Glaubens und somit die zentrale Pilgerstätte. Der Pilgerort der Engel, wo sie Gott huldigen, ist der „Weltenbaum“, den der Schöpfer-Gott nach der Erschaffung der Erde angefertigt hat. Aus Lebenszeichen 2019: Glauben – Wissen-Weisheiten / Monat  Juni, Autor Nadine Papai, BA

Es waren überwiegend jesidische und christliche Familien

die sich vor den mordenden und brandschatzenden „Gotteskriegern“ des Islamischen Staates in Sicherheit bringen mussten. Viele überlebten diese oft wochenlange Flucht nicht. Knochen und Massengräber, welche die Fluchtroute säumen, sind stille Zeugen des Völkermords. Frauen und Mädchen landeten am Sklavenmarkt. Der IS versucht bis heute vor allem ethnisch-religiöse Minderheiten wie die Jesiden oder Christen auszurotten. Für die Gotteskrieger gelten sie als ungläubige Teufelsanbeter.

JesidInnen werden als Angehörige einer Glaubensgemeinschaft, die weder christlichen, noch islamischen Ursprungs ist, verfolgt. Das Jesidentum gehört zu den zeitgenössischen monotheistischen Religionen und soll sich aus dem altpersischen Mithras-Kult oder aus den Kulten der Meder entwickelt haben. Es beruht nicht auf einer heiligen Schrift; Gebete werden mündlich tradiert sind im lyrischen Stil in der rituellen Sprache Kurmançi verfasst. Im Zentrum des jesidischen Glaubens stehen Taus-i Melek – der Engel „Pfau“, die sieben Mysterien sowie die Wallfahrt zum Grabe des Reformers Scheich ʿAdī ibn Musāfir.

Die heilige Siebenschaft

Die jesidische Lehre kennt sieben Erzengel, die sowohl im Schöpfungsmythos als auch im täglichen religiösen Alltag eine primäre und zentrale Rolle einnehmen. Die Engel sind eine „zweite Instanz“, die über weitreichende Funktionen verfügen, um den Willen Gottes auf Erden durchzusetzen. Die weitreichenden Kompetenzen der Engel sind nur durch ihre Einheit legitimiert. Die Erzengel halten aus Nächstenliebe stets zusammen.

Sie sind aus dem heiligen Licht des Schöpfer-Gottes Khoda hervorgebracht worden, womit sie einen Teil Gottes in sich tragen. Diese Eigenschaft wird als „das Geheimnis der Engel“ bezeichnet. Man meint damit die Fähigkeit des freien Willens bzw. des Verstandes. Nach ihrer Erschaffung verpflichteten sie sich der „Wahrheit“ und auf den Glauben bzw. die Loyalität gegenüber Khoda. Der Pilgerort der Engel, wo sie Gott huldigen, ist der „Weltenbaum“, den der Schöpfer-Gott nach der Erschaffung der Erde angefertigt hat. Sie sind auch Wächter der Himmelstore.

Der oberste Erzengel Taus-i Melek

Nach der jesidischen Mythologie hat Taus-i Melek in besonderer Weise der Allmächtigkeit Gottes gehuldigt und wurde deshalb zum Oberhaupt der sieben Engel erkoren. Zwar wollte er sich dem Mythos nach selbst einmal zum Gott erheben und fiel deswegen in Ungnade, doch er bereute seine Vermessenheit und tat Buße. Seine Schuld wurde ihm schließlich vergeben. Seither dient er Gott als Stellvertreter in der Welt sowie als Mittler und Ansprechpartner der Gläubigen. Sein Symbol ist ein blauer Pfau.

Taus-i Melek wurde, vor allem seitens des Islam, mit Satan (arabisch Schaitan) identifiziert und die JesidInnen daraufhin als Teufelsanbeter diffamiert und verfolgt. Tatsächlich sprechen Jesiden aber das Wort Schaitan nicht aus und lehnen es auch ansonsten ab, Gott eine Personifizierung des „Bösen“ oder einen Widersacher gegenüberzustellen, weil dies Zweifel an der Allmacht Gottes bedeuten würde. Damit geht auch die Vorstellung einher, dass der Mensch in erster Linie selbst für seine Taten verantwortlich ist.

Lebenszeichen 2019 in Kurdistan

Jesidinnen mit dem Kalender Lebenszeichen 2019 in Kurdistan

Die Wallfahrt nach Lalisch – Versammlung zu Ehren der Inkarnation von Taus-i Melek

Als wichtigste Menschwerdung des Taus-i Melek gilt nach Scheich ʿAdī ibn Musāfir (1073–1163). Seine Grabstätte in Lalisch ist das Hauptheiligtum des Jesidentums und Ziel einer jährlichen Wallfahrt von 6. bis zum 13. Oktober. In diesen Tagen, so heißt es, habe er die Welt verlassen. Der Schrein (kurd. „Sindrûk“) ist seither dort aufbewahrt, auf ihm werden bunte Tücher am Schrein angebracht. Die PilgerInnen binden einen Knoten in eines der Tücher und wünschen sich etwas, in der Hoffnung, dass Taus-i Melek ihren Wunsch erfüllt. Die nachfolgenden PilgerInnen entknoten die Tücher, sodass der Wunsch des vorherigen Pilgers in Erfüllung geht. Anschließend binden sie selbst erneut einen Knoten.

Lalischa Nurranii – der Ort der stummen Besinnung und heiligen Erleuchtung

Von 1891 bis 1893 tobte ein blutiger Kampf zwischen den osmanisch-kurdischen Angreifern und jesidischen Kämpfern. Besonders schwer traf die jesidische Gemeinschaft die Annexion des Lalisch-Tals im Jahr 1892. Die kurdischen Stämme unter der Führung des osmanischen Heeres attackierten den Tempel Lalisch und funktionierten ihn zu einer Koranschule um. Von den Plünderungen und Zerstörungen waren auch umliegende jesidische Dörfer betroffen. Zahlreiche kleinere Pilgerstätten in der Region wurden zerstört. Schließlich führte die Besetzung des Lalish-Tals zu einer weitläufigen Rebellion der Jesiden in Shingal und Sheikhan gegen die Osmanen und die kurdischen Stämme. Erst im Jahr 1904 gelang es das Eigentum zurückzuerlangen. Der neu eingesetzte Gouverneur von Mosul, Mustafa Nuri Pascha, versuchte diplomatische Beziehungen aufzubauen und tolerierte die Rückeroberung des Lalish-Tals durch die Jesiden. Im vorigen Jahrhundert kam es immer wieder zu Angriffen auf das Lalisch-Tal, die die Jesiden jedoch erfolgreich abwehren konnten. Damit ist Lalish zum Symbol für den ungebrochenen Widerstandswillen geworden.

Obfrau Nadine Papai, Ethnologin und Autorin dieses Artikels in Lalisch/Kurdistan 2018