Goldgräber greifen Yanomami- und Munduruku-Dörfer an

Seit Jahren kämpfen indigene Gemeinschaften im Amazonas gegen illegale Goldschürfer, die ihren Lebensraum zerstören und ihre Flüsse vergiften. Seit Amtsbeginn des Präsidenten Jair Bolsonaro haben sich die Konflikte zwischen den Goldschürfern und den indigenen Gemeinschaften jedoch massiv verschärft.

Schlaflose Nächte

Seit Wochen kommt es in Brasilien vermehrt zu Übergriffen auf Yanomami-Gemeinden im Bundesstaat Roraima. Berichten zufolge haben Bergleute in Motorbooten wiederholt eine Yanomami-Siedlung am Flussufer, bekannt als Palimiu, angegriffen und bedroht. Es kam auch zu Zusammenstößen zwischen den illegalen Bergleuten und Bundesbeamten, die diese Vorfälle untersuchten. Die Zusammenstöße eskalierten seit dem 24. April 2021, als die Yanomami den illegalen Minenarbeitern Treibstoff und einige Ausrüstungsgegenstände abnahmen, die sie beschuldigten, in ihr Land eingedrungen zu sein. Júnior Hekurari Yanomami, Präsident einer Yanomami-Organisation, sagte, dass die Bergleute fast täglich mit ihren Motorbooten an dem Dorf vorbeifahren, Drohungen ausstoßen und manchmal ihre Waffen abfeuern. „Die Leute schlafen nicht mehr richtig. Sie sind sehr müde,“ sagte Hekurari in einem Zoom-Anruf aus Palimiu. Er sagte, dass Yanomami jede Nacht Wache halten. Er behauptete, dass die Bergleute mehrere Menschen getötet und Frauen und Mädchen vergewaltigt hätten – Anschuldigungen, die von der Staatsanwaltschaft des Bundesstaates bisher nicht bestätigt wurden.

Auseinandersetzungen mit Bergleuten fordert tote Kinder

Júnior Hekurari berichtete auch, dass zwei Kinder der Gruppe auf der Flucht während einer besonders gewalttätigen Konfrontation am 10. Mai 2021 ertranken, bei der auch drei Bergleute getötet wurden. Die Bundesstaatsanwälte in Roraima waren nicht in der Lage, einen der Todesfälle zu bestätigen, sagten aber, dass eine polizeiliche Untersuchung im Gange sei. Laut der Hutukara-Organisation bestätigten die Häuptlinge, dass an diesem Tag, als die Minenarbeiter begannen, die Gemeinde anzugreifen, alle rannten, um sich vor den Schüssen zu schützen. Inmitten der verzweifelten Situation verirrten sich viele Kinder im Busch und verschwanden einsam in der Nähe des Uraricoera-Flusses. Am 11. gingen die Erwachsenen hinaus, um sie zu suchen. Viele Kinder wurden gefunden, aber 2 Jungen wurden noch vermisst. Am 12. Mai 2021 um 15:00 Uhr fanden sie die Leichen der Jungen im Wasser, bereits tot. Ein Kind war 1 Jahr alt und das andere 5 Jahre alt.

Ein Gefühl der Straflosigkeit im Land

Eine Woche zuvor reiste der brasilianische Präsident Bolsonaro in zwei indigene Reservate – seine ersten Besuche dieser Art als Staatsoberhaupt seit seinem Amtsantritt im Jahr 2019. Er besuchte das Balaio-Reservat am Oberlauf des Rio Negro, um eine kleine Holzbrücke in der Nähe eines reichen Niobvorkommens einzuweihen, das er oft als potenziellen wirtschaftlichen Segen für Brasilien angepriesen hat. Niob wird als Legierungszusatz für rostfreie Stähle, Sonderedelstähle (z. B. Rohre für die Salzsäureproduktion) und Nichteisenlegierungen verwendet.

Der konservative Präsident will den Bergbau in indigenen Gebieten legalisieren, was nach Brasiliens Verfassung nicht erlaubt ist, um die Entwicklung im Amazonasgebiet zu fördern. „Es ist nicht fair, Goldsucher in Brasilien kriminalisieren zu wollen“, sagte er am 14.  Mai 2021 vor dem Präsidentenpalast zu seinen Anhängern. Solche Kommentare haben Bergleute ermutigt in die indigenen Gebiete einzudringen. „Es gibt ein Gefühl der Straflosigkeit im Land, dass diejenigen, die eindringen, nicht bestraft werden“, sagte Juliana Batista, eine Anwältin, die beim Socio-Environmental Institute, einer Interessensvertretung, arbeitet. Laut diesem werden in etwa 20.000 illegale Bergleute verdächtigt, im Yanomami-Territorium zu arbeiten, welches das größte indigene Reservat Brasiliens ist und ungefähr die Größe Portugals hat.

Nun brennen auch indigene Häuser!

Der Richter des Obersten Gerichtshofs Luis Roberto Barroso ordnete daraufhin an, dass die Bundesregierung „sofort alle notwendigen Maßnahmen ergreift, um das Leben, die Gesundheit und die Sicherheit der indigenen Bevölkerung“ im Yanomami- und Munduruku-Gebiet zu schützen. Er warf der Regierung außerdem „Widerspenstigkeit und mangelnde Transparenz“ bei der Gewährleistung der Gesundheit und Sicherheit der indigenen Gruppen vor.

Daraufhin lancierte die brasilianische Polizei eine Operation gegen den illegalen Bergbau. Um diese zu verhindern, überfiel eine Gruppe von Goldschürfern einen Polizeistützpunkt, in dem sich die notwendige Ausrüstung befand. Einige Stunden später attackierten dieselben Goldschürfer ein Dorf der Munduruku im Bundesstaat Para und setzten mehrere Häuser in Brand. Darunter war das Haus von Maria Leusa Munduruku, einer der einflussreichsten indigenen Anführerinnen Brasiliens. Die Munduruku baten die Polizei um Hilfe, doch diese traf erst zwei Stunden nach dem Angriff im Dorf ein. Die Verantwortlichen konnten deshalb nicht gefasst werden. Der mangelnde Einsatz zum Schutz der Gemeinschaften seitens der brasilianischen Regierung ist für die Munduruku ein klares Zeichen dafür, dass die Machthaber auf der Seite der illegalen Goldschürfer stehen. Anstatt die Indigenen und die Umwelt zu schützen, wie es die brasilianische Verfassung verlangt, macht Präsident Jair Bolsonaro das Gegenteil: Mit dem neuen Gesetzesentwurf Projeto de lei 191 möchte er sowohl den Kleinbergbau wie auch den industriellen Bergbau auf den Gebieten der Indigenen-Territorien legalisieren.

QUELLEN: APIB, The Guardian, GFBV Schweiz

Lebenszeichen – Gesellschaft für bedrohte Völker Österreich verurteilt sowohl die kriminellen Handlungen der Goldwäscher als auch das Verhalten der brasilianischen Regierung.