Konflikte verstehen

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Auch Russlands Präsident Putin hat seinen Anspruch auf die benachbarte Ukraine mit der Geschichte begründet. Was daran wahr ist, und was sich daraus für die Zukunft ableiten lässt.

Die Geschichte der Ukrainer ist eine Geschichte der Bedrohungen und Besetzungen seit langer Zeit. Immer wieder kämpfte dieses resiliente Volk unglaublich tapfer für das Gebiet. Kein Wunder, dass sie nicht aufgeben! Wir müssen ihnen Anerkennung und Respekt zollen und ihre Geschichte verstehen!

Wladimir Putin rechtfertigt die Anerkennung der russischen Separatistengebiete in der Ostukraine  und den jetzigen Angriffkrieg überraschenderweise auch mit der historischen Geschichte. Er entnahm die relevanten Aspekte einem Aufsatz, den er selbst im Sommer 2021 im Kreml veröffentlichte. Der Titel lautete „Über die historische Einheit von Russen und Ukrainern“. Die Schlussfolgerung von Putins Essay lautet, dass Russen, Ukrainer und Weißrussen ein Volk sind, denn sie gemeinsam sind die Erben des alten Russlands, das der größte Staat in Europa war.

Stimmt das? Werfen wir nun einen Blick auf die Geschichte und die Völker der Ukraine

Das Gebiet der heutigen Ukraine wurde während des Paläolithikums (ca. 600.000 bis 10.000 v. Chr.) besiedelt. Über die Vor- und Frühgeschichte des Landes nördlich des Schwarzen Meeres, der heutigen Ukraine, gibt es nur spärliche Kenntnisse. Die Menschen  waren verschiedene nomadische und halbnomadische Völker. Das erste schriftliche Wissen über diese Region stammt aus den Legenden des klassischen Altertums.

Im 5. Jahrhundert v. Chr. siedelten Griechen, genauer pontische Griechen entlang des Schwarzen Meeres bis hinunter nach Georgien. An der Küste der heutigen Ukraine und vor allem der Krim gründeten sie Kolonien. Den Aufzeichnungen dieser Griechen verdanken wir erste Hinweise.

Im Gebiet der heutigen Ukraine selbst lebten zu dieser zeit die Reitervölker der Skythen. König Ateas, schuf im 4. Jh. v. Chr. ein Großreich, das die Stämme der Skythen vom Asowschen Meer bis zur Donau vereinte. Zum Verwaltungs-, Handels- und Wirtschaftszentrum Großskythiens wurde eine Wallburg am unteren Dnjepr bestimmt.  Sie drangen bis ins Niederdonaubecken, auf die Balkanhalbinsel, ins Karpatenland und nach Ungarn vor, nach Polen und in das Niederlausitzer Gebiet. Gegen Ende des 4. Jh. v. Chr. wurden sie von den Sarmaten aus ihren Gebieten westlich der Donau und von Philipp II von Makedonien über die Donau verdrängt; im 3. Jh. v. Chr. wurden sie von den  Sarmaten unterworfen und assimiliert. 

Das Gebiet der heutigen Ukraine war Teil des Descht-i-Kiptschak, des Wilden Feldes – eine Bezeichnung für diese Steppenlandschaft, die bis ins 18. Jahrhundert für das Gebiet rechts des Dnjeprs erhalten blieb. Dieser Ausläufer der der großen eurasischen Steppe war seit je her ein Durchzugsgebiet für zahlreiche von Ost nach West ziehende Reitervölker und Nomaden. Die Nordgrenze des Wilden Feldes zur Waldlandschaft Osteuropas bildete lange Zeit auch die Grenze zwischen nomadischen und sesshaften Zivilisationen. Obwohl die Gebiete des Wilden Feldes durch die hohe Konzentration der Schwarzerde sehr fruchtbar waren, waren sie für die landwirtschaftliche Nutzung aufgrund der ständigen Bedrohung und Angriffe der Reiternomaden lange Zeit unerschlossen und bis in die Neuzeit dünn besiedelt.

Als dann in den ersten Jahrhunderten nach Chr. die Hunnen in Europa einfielen, durchquerten diese das Gebiet der Ukraine und zogen dort lebende Völker im Zuge der Völkerwanderung mit sich.

Erwähnenswert ist hier die im Norden, im heutigen Gebiet der Oblaste Kiew, Tschernihiw, Sumy und darüber hinaus siedelnden Menschen. Benannt nach Fundstellen nahe Kiew ist die »Kiewer Kultur« bekannt, die vom 2.Jh bis zum Einfall der Hunnen im 5. Jhd. bestand.

Auch Bulgaren (6.Jhd.) und Magyaren (9.Jhd.), deren Wurzeln an der Wolga liegen, lebten eine zeitlang auf dem Gebiet der Ukraine, bevor sie in die heute bekannten Landesteile weiterzogen bzw. in diese durch andere Völker getrieben wurden.

Bleiben noch die Slawen zu erwähnen. Ihr Ursprung ist nicht eindeutig geklärt. Sprachforscher sehen die Urheimat der Slawen im Raum nördlich der Karpaten zwischen oberer Weichsel, mittlerem Dnjepr und Desna. Für die Geschichte der Ukraine interessant sind die Ostslawen. Sie breiteten sich immer weiter nach Norden aus. Die ostslawischen Stämme waren zunächst noch Heiden.

Die Kiewer Rus als gemeinsamen Ursprung

Erst die wikingschen Händler und Krieger, auch Waräger oder Rus genannt, einten die gesamte Region der heutigen Nordukraine, Weißrussland und Westrussland gegen Ende des 9. Jahrhunderts zum ersten ostslawischen Reich, der Kiewer Rus, unter denen dann die Christianisierung stattfand.

Die Kiewer Rus wurde das 988 nach Christus gegründet und wurde im Süden von Kiew begrenzt, im Norden von der Stadt Novgorod. Dessen Herrscher Wladimir der Große (reg. 980–1015) entschied sich im Jahre 988 für die Annahme des Christentums nach östlichem Ritus. Nicht zuletzt militärischer Druck sorgte dafür, dass Großfürst Wladimir eine Prinzessin aus Konstantinopel zur Frau erhielt und sich im Gegenzug 988 christlich taufen ließ – nach orthodoxem Ritus. Das Kerngebiet erstreckte sich um den Fluss Dnepr. Hauptort war Kiew, das kulturelle Zentrum war Novgorod. Dazu zählen kann man außerdem das Gebiet des heutigen Belarus. In der Rus lebten hauptsächlich Ostslawen. Der Name „Rus“ ist vom Volk der Rus abgeleitet. Dies hat sich in dem Namen Russland erhalten. Die Menschen in dieser Region haben also eine gemeinsame Wurzel, Sprache und Kultur. Dieses historische Gebilde erlebte seine Blütezeit im 11. Jahrhundert. Der Süden der heutigen Ukraine wurde bis ins 13. Jahrhundert von nomadischen Steppenvölkern, insbesondere den Petschenegen und später den Kyptschaken (Kumanen, „Polowzern“) beherrscht.

Die Waräger kamen meist von den Stämmen der Svear und Gauten aus dem heutigen südlichen Schweden. Sie werden in altrussischen, byzantinischen und arabischen Quellen erwähnt und sind als eine Teilgruppe der Wikinger zu betrachten. Während Putin die in Russland als „normannistische These“ verrufene Gründungsgeschichte der Kiewer Rus renationalisiert, legt er großen Wert auf das Bekenntnis zur Orthodoxie. Denn damit findet er die entscheidende Klammer für seine These von der historischen Einheit.

Nach kultureller und wirtschaftlicher Blüte begann im 12. Jahrhundert der Niedergang der Rus mit zunehmenden kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Fürstentümern. 1169 eroberte der Fürst von Wladimir-Susdal Kiew, brannte es nieder, eignete sich den Titel des Großfürsten an und setzte in Kiew seinen Sohn als Fürsten ein. 1202 nahm Roman von Halytsch-Wolodymyr Kiew in Besitz und leitete daraus einen Anspruch auf die Würde des Großfürsten ab, aber schon im Folgejahr verlor er die Stadt an die Fürsten von Perejaslawl. Das Fürstentum Wladimir-Susdal, Großfürstentum Wladimir oder Wladimirer Rus war ein großes Fürstentum unter den Folgestaaten der Kiewer Rus und der mächtigste ostslawische Staat zwischen der zweiten Hälfte des 12. und dem 14. Jahrhundert. Traditionell wird Wladimir-Susdal als die Wiege der großrussischen Sprache und Kultur betrachtet.

Die Mongolen fallen in das Gebiet ein und errichten ein Großreich

Nach den ersten Konflikten zwischen Europäern und Mongolen unter Dschingis Khan, drangen die Mongolen weniger als 20 Jahre später unter Batu Khan bis nach Mitteleuropa vor. Die Belagerung von Kiew im Jahr 1240 markiert nach dem Verständnis der Historiker das Ende der Kiewer Rus. Bis etwa 1400 war die Rus tributpflichtig an mongolische Herrscher. Die Mongolen (von den Rus zum Teil auch als „Tataren“ bezeichnet) begründeten das Reich der Goldenen Horde – zu einem wesentlichen Teil auf dem Gebiet der heutigen Ukraine.

Das historische Gebilde zersplitterte und russische Fürstentümer spalteten sich ab. Ab ca. 1350 wurde dann Moskau zum Zentrum eines großen russischen Fürstentums. Durch Eroberung und Heiratspolitik wurde diese Macht immer weiter ausgebaut. Das Jahr 1472 ist dabei ein sehr wichtiges: Der Großfürst von Moskau heiratete in diesem Jahr die Nichte des letzten oströmischen Kaisers. 30 Jahre vorher, 1453, hatten die Osmanen Konstantinopel erobert. Der Großfürst übernahm dann 1482 den Doppeladler des oströmischen Kaisers, den wir heute noch im russischen Wappen sehen – und Moskau wurde zum Zentrum des orthodoxen Christentums.

Die ehemalige Rus, das Kerngebiet rund um den Fluss Dnepr, hatte zu diesem Zeitpunkt schon massiv an Bedeutung verloren. Es wurde jetzt als „Ukraina“ bezeichnet – übersetzt bedeutet das „Grenzland“. Während die Russen unter Moskauer Führung nach zwei Jahrhunderten die mongolische Herrschaft abwarfen, etablierte sich im Süden das Osmanische Reich und im Westen Polen-Litauen als neue Großmacht. Jeder neue Krieg zwischen ihnen verschob die Grenzen in der Ukraine.

Die ehemalige Rus, das Kerngebiet rund um den Fluss Dnepr, hatte zu diesem Zeitpunkt schon massiv an Bedeutung verloren. Der nordöstliche Teil der Rus (Fürstentum Wladimir-Susdal, Rjasan, Twer) blieb bis 1480 unter mongolischer Herrschaft, während südwestliche Gebiete und Galizien-Wolhynien unter die Herrschaft des Großfürstentums Litauen kamen, das später mit Polen eine gemeinsame Republik Polen-Litauen bildete. Gebiete der heutigen Ukraine gelangten hierbei ab dem 16. Jahrhundert in den polnischen Herrschaftsbereich. Im Osten wurde aus dem Fürstentum Wladimir-Susdal das Großfürstentum Moskau, das nach und nach alle russischen Nachbarfürstentümer um sich konsolidierte. Die Ukraine wurde durch dessen Ausdehnung zum russisch-polnischen Rivalitätsgebiet. In dieser Epoche bekam der Landstrich am mittleren Dnepr den festen inoffiziellen Eigennamen Ukraina (Grenzland), der zuvor sowohl in der altrussischen, als auch in der altpolnischen Sprache unterschiedlichste Grenzgebiete bezeichnete. Im Schwarzmeergebiet hielt noch lange die Herrschaft des Krimkhanats unter osmanischer Oberhoheit an.

Grenzland zwischen Polen und Russland

Im „Wilden Feld“ lebten die slawischen Kosaken. In Russland waren das die Donkosaken und in der Ukraine die Saporoger- oder Dneprkosaken. Rechtliche Diskriminierung, wirtschaftliche Ausbeutung und religiöser Druck auf die orthodoxe Bevölkerung der südwestlichen Rus seitens der polnischen Krone und der polnischen Magnaten führten immer wieder zu blutigen Aufständen gegen die polnische Herrschaft.

Im Jahr 1648, wurde dieses Grenzgebiet unter der Führung der Kosaken von der polnischen Herrschaft befreit. Das heutige Polen und Litauen war zu dieser Zeit ein mächtiger europäischer Territorialstaat und hatte die Herrschaft über die „Ukraina“ übernommen. Sechs Jahre später, im Jahr 1654, unterstellte sich ein Kosakenstaat unter Bohdan Chmelnyzkyj im Vertrag von Perejaslaw der Oberhoheit Moskaus. Die Ukraine wurde Teil der russischen Einflusssphäre. Für Putin ein entscheidender Schritt zur Vereinigung der orthodoxen Brudervölker. Putin folgert aus dem Eid der Kosaken, dass sich ihr Gros längst als Russen und Anhänger der Orthodoxie verstanden habe. Allerdings stand Chmelnyzkyj nur einem unter mehreren Kosakenstaaten vor. Andere suchten Unterstützung beim Osmanischen Reich und den mit ihnen verbündeten Krimtataren, wieder andere bei Polen-Litauen. Vor allem waren diese Bündnisse nie auf Dauer angelegt, sondern folgten der Maxime, dass der Nachbar deines Feindes dein Freund sei.

Die Ukraine wurde nun Teil der russischen Einflusssphäre. Dieses Ereignis wird als eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der russisch-ukrainischen Beziehungen betrachtet. Daraufhin wurde die Ukraine zwischen Polen und Russland geteilt. Im russischen Teil der Ukraine begann der Aufstieg der russischen Sprache in der Ukraine, während im polnischen Teil die schon lange anhaltende Polonisierung weitergeführt wurde. Historisch bedeutsam war die Polonisierung u.a. während der Zeit der polnisch-litauischen Realunion (1569 bis 1795). Im Osten des damaligen Staates Polen-Litauen assimilierten sich große Teile der Bevölkerung, insbesondere die Oberschicht, in die polnische Kultur. Dies betraf vor allem Gebiete in den heutigen Staaten Litauen, Ukraine und Belarus, in die sich der polnische Sprachraum immer weiter ausdehnte. Bis heute gibt es dort größere polnischsprachige Minderheiten.

Grenzland zwischen Österreich und Russland

Das rechtsufrige Hetmanat wurde bereits im 17. Jahrhundert von den Polen aufgelöst. Bei den Teilungen Polens am Ende des 18. Jahrhunderts fiel auch der rechtsufrige Teil der Ukraine an Russland, die im Westen der Ukraine gelegenen Gebiete Galizien und die Bukowina im Westen an das Habsburgerreich.

1796 wurden die südlichen und östlichen Gebiete der heutigen Ukraine, die Russland von den Osmanen erobert hatte, zu einem russischen Gouvernement zusammengefasst (Neurussland) und es wurden die Städte Sewastopol und Simferopol auf der Halbinsel Krim sowie die Hafenstadt Odessa gegründet.

Religion und Sprache sind für Putin die Fundamente der gemeinsamen Geschichte. „Neurussland“ war aber vor allem das das Ergebnis von militärischen Eroberungen. Vor allem unter der Zarin Katharina II. der Großen, wurden die riesigen Territorien im Süden dem Reich annektiert, auch das Khanat der Krimtataren.

Im 19. Jahrhundert begann sich auf dem Gebiet der heutigen Ukraine eine Nationalbewegung zu entfalten. Sie lehnte die von der zaristischen Regierung präferierte Vorstellung vom dreieinigen russischen Volk aus Großrussen, Kleinrussen und Belarussen ab und strebte die Formierung einer „ukrainischen“ Nation an. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die ukrainische Nationalbewegung von den Behörden unterdrückt, indem Schulen und bestimmte politische Druckwerke in ukrainischer Sprache verboten wurden. Deshalb verschob sich der Schwerpunkt der Nationalbewegung auf das österreichische Galizien, wo die Ukrainer (von den Österreichern damals Ruthenen genannt) im Unterschied zu Russland als Nationalität anerkannt wurden. In Konkurrenz zur „ukrainischen“ Identität stand eine „kleinrussische“ Identität, die stärker auf Russland hin orientiert war.

Ruthenen war vom 18. Jahrhundert bis Anfang des 20. Jahrhunderts in der Habsburgermonarchie die gebräuchliche Bezeichnung für die Ostslawen des Reiches, die Ukrainer und – deren Untergruppen oder eng verwandte Völker – Russinen und ihre Teilgruppen Lemken, Bojken, Huzulen. Die Bezeichnung stammt von Rutheni, der latinisierten Form von Rus, Rusyn, Ruscia, Russia oder Ruzzia, den alten Eigenbezeichnungen der Ostslawen. Gleichzeitig waren die Begriffe „Ukrainer“ und „Kleinrussen“ in Verwendung. Wer sich als „Ukrainer“ bezeichnete, machte damit deutlich, dass er sich einem eigenen, von Russen und Polen verschiedenen Volk zugehörig fühlte. Die Bezeichnung „Ruthene“ ließ hingegen politische Schlussfolgerungen offen.

Wie komplex die Situation war, illustriert die Parteinahme viele Ukrainer während der polnischen Aufstände im 19. Jahrhundert. So fiel es den Habsburger Behörden leicht, ihre ukrainischen Untertanen gegen die Revolutionäre zu mobilisieren, weil sie lieber unter der Herrschaft Wiens als unter polnischen Magnaten leben wollten. Der Gegensatz zwischen Österreichern und Polen hat viel zur Bildung einer ukrainischen Nation beigetragen. Sie formierte sich eben nicht im Anschluss an das russische Brudervolk, sondern erkannte ihre Eigenständigkeit.

Dass das Zarenreich dies mit aller Macht zu verhindern suchte, zeigen die Russifizierungskampagnen, zumal unter Alexander III. (reg. 1881 bis 1894), den Putin gern als sein großes historisches Vorbild preist. Es gelang nicht, eine nationale Massenbewegung zu entfachen. Im Laufe der Geschichte gab es immer wieder einzelne Gruppen, IInstitutionen oder Regionen, die in der Ukraine beheimatet waren und von dort aus an eine gesamtrussische Identität appellierten.

Unabhängigkeit seit dem ersten Weltkrieg

Der ukrainische Historiker Mychajlo Hruschewskyj schuf Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts in Lemberg die Grundlage für eine ukrainische Nationalbewegung, indem er der Auffassung eines einheitlichen ostslawischen (russischen) „Stromes der Geschichte“ sein Schema einer getrennten Entwicklung der Völker der Russen und Ukrainer entgegenstellte. Daraufhin begannen sich in Kiew Kräfte zu formieren, die eine Unabhängigkeit von Russland einforderten. Sowohl Ukrainer als auch Russen beziehen sich positiv auf die mittelalterliche Rus.

Während des Ersten Weltkriegs unterstützte das Deutsche Reich die Separationsbemühungen der Ukrainer als Kriegsmittel zur Schwächung Russlands. Daher vertraten einige polnische Nationalisten die Theorie, Ukrainer gebe es eigentlich gar nicht, sie seien eine deutsche Erfindung. Ähnlich wurde im 19. und auch im 20. Jahrhundert in Russland die Vorstellung von einer eigenen ukrainischen Kulturnation als Erfindung der österreichischen Diplomatie und der mit Rom Unierten erklärt.

Mit der Februarrevolution 1917 in Russland und dem Sturz der Zarenregierung sah man in der Ukraine die Chance für eine eigene, unabhängige Staats- und Gesellschaftsentwicklung, für gekommen. Am 17. März 1917 versammelten sich in Kiew Repräsentanten politischer, kultureller und beruflicher Organisationen (Zentralna Rada), um aus ihrer Mitte eine provisorische Regierung zu bilden, die an die Stelle der inzwischen abgeschafften zaristischen Regierungsbehörden treten sollte. Zum Vorsitzenden dieses ukrainischen Volksrats wurde am 20. März 1917 Mychajlo Hruschewskyj gewählt.

Ist Putins Traum ein Comeback des alten Zarenreichs?

Die Ukrainische Volksrepublik hatte im Februar 1918 den Brotfrieden mit den Mittelmächten geschlossen. Beim vierten Kongress des Rates der Volksbeauftragten des Donbass und des Krywbass, der vom 9. bis zum 12. Februar 1918 in Charkiw stattgefunden hat, gründeten die Jekaterinoslawer Bolschewisten die Sowjetrepublik Donez-Kriwoi Rog, zu deren Gebiet die Regionen Sumy, Charkiw, Donezk, Jekaterinoslaw, Cherson und die Region der Donkosaken, die sich teilweise auf dem Gebiet der heutigen Oblast Rostow befand, zählten. Ihr Ziel war es, den Zugang der Regierung der Zentralna Rada und der deutschen Armee zu den Industrieregionen des Donbass und des Krywbass zu verweigern. Ein weiterer Grund für die Gründung der Republik war, dass sie Kiew nicht als Hauptstadt einer sowjetischen Ukraine anerkennen wollten.

Die Hauptstadt der Sowjetrepublik war Charkiw. Der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare der Republik war Fjodor Sergejew. Die Republik Donez-Kriwoi Rog sah sich selbst als unabhängig von der ersten Sowjetregierung der Ukraine, die im Dezember 1917 gegründet wurde, an. Die bolschewistische Führung in Moskau war gegen die Gründung der Republik, da sie dies als Bruch der Einheitsfront gegen feindliche Kräfte ansah.

Auf Drängen von Mykola Skrypnyk, dem damaligen Vorsitzenden der sowjetischen Regierung der Ukraine, befahl Wladimir Lenin den Repräsentanten der Republik Donez-Kriwoi Rog, am zweiten Allukrainischen Sowjetkongress teilzunehmen, der vom 17. bis zum 19. März 1918 in Jekaterinoslaw stattgefunden hat. Der Kongress beschloss die Auflösung der Republik Donez-Kriwoi Rog. Dies hatte einen anhaltenden Einfluss auf die territoriale Abgrenzung der Ukraine, da Moskau anerkannte, dass der Großteil des Donbass, inklusive die russischsprachigen Gebiete, zur Ukraine gehören.

Putin bezieht sich auf das Schicksal der Donez-Kriwoi-Roger Sowjetrepublik, deren Antrag auf Mitgliedschaft von Lenin abgelehnt wurde. Lenin sah die UNR und ihren Nachfolger, die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik, als Partner bei der Gründung der Sowjetunion. Er wollte damit sein Versprechen, die Völker Russlands zu befreien, erfüllen und lehnte deshalb die Mitgliedschaft ab. Putin schreibt in seinem Aufsatz, dass erst die Sowejtunion damit das ukrainische Volk geschaffen habe. Doch was mit der erstmaligen Anerkennung von Lenin den Ukrainern gegeben wurde, verloren sie bald wieder unter Stalin.

Putin kristisert vor allem, dass in der Verfassung der UdSSR von 1924 ein freier Austritt aus der Union eingeführt wurde und einhergehende Grenzziehung als Nachteil für Russland. Er meint damit vor allem Neurussland, die südlichen Gebiete und natürlich die Krim.  Manche lesen auch aus dem Essay heraus, dass seine politische Vision damit nicht die untergegangene Sowjetunion, sondern das zaristische Reich, das sich als Reich aller orthodoxen ostslawischen Völker verstand, ist.

Wie der Historiker Andreas Kappeler es ausdrückt, führt die Nähe zwischen diesen beiden Völkern zu Konflikten, wie wir sie aus den Familien kennen. Dabei verwendet einem großen Bruder, der heftig reagiert, wenn sich die kleine Schwester aus der Familie lösen will. Putin betonte auch, wie sehr er die ukrainische Kultur liebt. Er versucht sie mit aller Kraft „in der Familie“ zu halten.

Der Holodomor- das ukrainische Trauma

Was Putin aber nicht erwähnt ist der Holodomor, eine  Hungersnot in den 1930er Jahren, die die Ukrainer als Völkermord betrachten. Der Holodomor gilt als eines der traumatischten Ereignisse in der ukrainischen Geschichte. Nach der Einrichtung von Kolchosen im Rahmen der Kollektivierung wurden diese dazu verpflichtet, einen bestimmten Prozentsatz ihrer Ernte an den Staat abzuführen. Josef Stalin verfolgte das politische Ziel, den ukrainischen Freiheitswillen zu unterdrücken und die sowjetische Herrschaft in der Ukraine zu festigen. Zwischen 1926 und 1932 wurden 50.000 Intellektuelle nach Sibirien deportiert, darunter die 114 bedeutendsten Dichter, Schriftsteller und Künstler des Landes. Danach wandten sich die Bolschewiki gegen die Bauernschaft, die sich weiterhin hartnäckig gegen Kollektivierung und Umerziehung wehrte.

Am 28. November 1932 Am 28. November 1932 beschloss das Politbüro der Ukraine, „Sachstrafen“ zu verhängen und „schwarze Listen“ gegen Bauern einzuführen, die sich ihnen widersetzten. Infolgedessen wurden die Lebensmittelanforderungen an die Bauern drastisch erhöht. Bolschewistische Brigaden suchten nach versteckten Lebensmitteln. Die Häuser der Dörfer wurden systematisch geplündert. Infolge der Strafabgaben verloren viele Bauernfamilien ihren gesamten Besitz und mussten in den Städten um Nahrung betteln. In der Bevölkerung kam es zu Kannibalismus.

Die Weltöffentlichkeit reagierte kaum auf diesen faktischen Massenmord in der Sowjetunion. Intensiv beschäftigte sich der Europäische Nationalitätenkongress mit der Ursache der vielen Hungertoten und warf der UdSSR öffentlichkeitswirksam „die Ausrottung der Kulturbestrebungen aller Volksgruppen und Völker aus ideologischen Gründen“ vor. Diplomatische Reaktionen blieben jedoch weltweit aus. Die Sowjetunion selbst zensierte die wahrheitsgemäße Berichterstattung. Die Zahl der Opfer lässt sich nur schwer bestimmen, wird aber zischen 1937 und 1939 auf auf 4 Millionen Ukrainer geschätzt. In anderen landwirtschaftlichen Gebieten der Sowjetunion starben danach weitere 2 Millionen Menschen durch die Hungersnot.

Mit der Aufarbeitung dieses Massenmordes begann eine Kontroverse um die Bewertung als Genozid, die bis heute in Fachkreisen anhält. Eine gezielte Ausrichtung gegen die Ukrainer ist zwar wahrscheinlich, doch das Ziel war nicht die Auslöschung sondern das Brechen des Widerstands laut Kappeler. In den Jahren 2003 und 2006 erklärte das ukrainische Parlament aber den Holodomor offiziell zu einem Völkermord am ukrainischen Volk.

Der Westen leht die Ukraine ab und Russland hat ein postimperiales Trauma

Auch in der NATO-Frage gehen die Wahrnehmungen von Russland und der Ukraine auseinandner. Während sich Russland durch die Annäherung der NATO in die alten Gebiete der Sowjetunion bedroht fühlt, fühlt sich die Ukraine vom Westen abgelehnt. Die EU bietet der Ukraine eine Partnerschaft aber keinen Beitritt an; die NATO lehnt das Beitrittsgesuch 2008 ab. Die Orientierung nach Westen stellt für die Ukrainer ein entscheidendes Moment zur Abgrenzung von Russland dar, aber auch ein historisches gewachsenes Bedürfnis dem Westen anzugehören, was mit der polnisch-litauischen Geschichte und anderem zu tun hat.  Daraus entstand dann auch die These, dass Russland eher zu Asien gehöre, was nicht der Entstehungsgeschichte Russland entspricht. Seit 2004 un der „orangen Revolution“ versucht sich die Ukraine langfristig mit dem Westen zu verbinden, was immer wieder abgelehnt wurde. Russland hingegen hat dies gar nicht wahrgenommen oder akzeptiert wurde.

Auch in der NATO-Frage gehen die Wahrnehmungen von Russland und der Ukraine auseinander. Während sich Russland durch die Annäherung der NATO in die alten Gebiete der Sowjetunion bedroht fühlt, fühlt sich die Ukraine vom Westen abgelehnt. Die EU bietet der Ukraine eine Partnerschaft aber keinen Beitritt an; die NATO lehnt das Beitrittsgesuch 2008 ab. Die Orientierung nach Westen stellt für die Ukrainer ein entscheidendes Moment zur Abgrenzung von Russland dar, aber auch ein historisches gewachsenes Bedürfnis dem Westen anzugehören, was mit der polnisch-litauischen Geschichte und anderem zu tun hat.  Daraus entstand dann auch die These, dass Russland eher zu Asien gehöre, was nicht der Entstehungsgeschichte Russland entspricht. Seit 2004 und der sogenannten“orangen Revolution“ versucht sich die Ukraine langfristig mit dem Westen zu verbinden, was immer wieder abgelehnt wurde. Russland hingegen hat dies gar nicht wahrgenommen oder akzeptiert wurde.

Kapeller meint dazu, aus unserer westlichen Sicht ist wichtig, dass jeder Staat oder jedes Volk das Recht hat, sich die Allianzen zu suchen, die es will und darf sich nicht von einer hegemonialen Macht einschränken lassen. Russland hat hingegen seit 1991 schwere Zeiten durchgemacht und der Westen hat nicht immer mit der nötigen Behutsamkeit reagiert und verhandelt. Kapeller spricht hier von einem postimperialen Trauma, dass bei dem Artikel von Putin ganz deutlich spürbar ist. Dass der Westen Russland nicht mehr als Großmacht angesehen hat, auch wenn das Russland von heute nicht mehr die Sowjetunion ist, hat die Atmosphäre vergiftet. Die Ukraine begann sich tatsächlich in vielerlei Hinsicht sich von Russland zu emanzipieren, was dem autokratischen Russland gefährlich erscheint. Kapeller sieht hier die Aufrüstung der Ukraine als Anti-Russland aber als Verschwörungstheorie, meint aber trotzdem muss man die russische Perspektive ernst nehmen. Putin geht es nach Kapeller auch immer primär um Machterhalt, aber mit dem Essay wurde auch erst klar, dass die Forderungen erstmals sehr viel weiter gehen , da er auch die drei baltischen Staaten erstmals erwähnt! Wenn er diesen auch nicht nachkommt, verliert er in sein Gesicht und steht als Schwächling da. In seiner Kindheit erging es ihm schon einmal so – daher kommt sein Denken, dass nur der Stärkere gewinnt. Sei es mit Gewalt.

Der Angriffskrieg gegen die Ukraine war trotz aller Anzeichen überraschend, obwohl er vorhersehbar war. Aus russischer Perspektive scheint der Krieg erst begonnen zu haben. Der Westen muss sich nun entscheiden, ob man die Ukraine hier wirklich alleine kämpfen lassen will. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser nach einem Sieg Putins in der Ukraine dort Halt macht, ist gering. Oder mit den Worten des ukrainschen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj am 3. März. 2022 ausgedrückt: „Wenn wir nicht mehr sind, Gott bewahre, dann werden Lettland, Litauen und Estland die nächsten sein. Bis hin zur Berliner Mauer, glauben Sie mir.“ Russland war am 24.02.2022 in die Ukraine einmarschiert und hat seitdem zahlreiche Städte angegriffen. Die ukrainischen Behörden bestätigten die Einnahme der ersten Großstadt durch die russische Armee, der Hafenstadt Cherson im Süden der Ukraine. Der ukrainische Präsident hat mehr Militärhilfe von den westlichen Staaten gefordert. Zugleich bekräftigte er seine Absicht, direkt mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zu verhandeln.

Wir veröffentlichen nun laufend Beiträge für Euch zur Bedrohung des ukrainischen Volkes im Blog von Lebenszeichen!

Höre auch den Beitrag dazu vom Histroiker Andreas Kappeler der Universität Wien im Dlf vom 30.01.2022

Ungleiche Brüder

https://www.deutschlandfunk.de/ungleiche-brueder-historiker-andreas-kappeler-zum-russland-ukraine-konflikt-dlf-a0ff3a86-100.html